Rezension Margaret Atwood – Der Report der Magd

Rezension Margaret Atwood – Der Report der Magd

Autor: Margaret Atwood
Titel: Der Report der Magd
Herausgeber: Piper Verlag 
Datum der Erstveröffentlichung: 17. November 2017
Buchlänge: 416 Seiten
Titel der Originalausgabe:  Handmaid’s Tale
ISBN: 978-3-8270-1384-2
Preis: HC 25,00€ / eBook 9,99€
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In der Republik Gilead lässt man Desfred keine Wahl: sie muss gebären. Sonst wird sie, wie alle Abweichler, entweder an der »Mauer» gehenkt oder in einen langsamen Strahlentod geschickt. Aber kein noch so totalitärer Staat kann das Begehren auslöschen – weder das von Desfred noch das der beiden Männer, die ihre Zukunft in der Hand haben … Brillant erdacht und geschrieben: Margaret Atwoods messerscharfer Blick und ihr beißender Witz machen diese beängstigende Beschwörung eines Amerikas des 21. Jahrhunderts zu einem beunruhigenden und vielschichtigen Meisterwerk, das längst zum Kultbuch avanciert ist.

Quelle: Piper Verlag  

 

 

Wirklich lange hatte ich das Buch Der Report der Magd schon daheim stehen und ziemlich genauso lange wollte ich es auch lesen, nur, wie es manchmal so ist, kommt man über bestimmte Bücher immer wieder hinweg und liest stattdessen etwas anderes.
Aber in letzter Zeit lese ich ziemlich viel mit einem anderen Bücherwurm und bei der Suche nach gemeinsamen Lesestoff sind wir beide auf eben jenes gestoßen – perfekt eigentlich, denn kürzlich ist nach 15 Jahren der zweite Teil Die Zeuginnen erschienen. 

Wenn man das Buch beginnt, merkt man sofort, dass es sich um eine Geschichte handelt, die vieles bisher gelesene in den Schatten stellt. Das bezieht sich zum einen auf den Schreibstil von Margaret Atwood und zum andern auf in Inhalt selbst. Ich kenne bisher wirklich kein vergleichbares Buch, das allein durch die Sprache so viel Ausweglosigkeit, Beklemmung und Machtlosigkeit in mir hervorgerufen hat wie es hier der Fall war. Oft sitzt man mit offenem Mund über einen Abschnitt und muss sich förmlich zwingen, das eben gelesene zu verarbeiten und noch öfter muss man sich überhaupt überwinden umzublättern, weil man gar nicht wissen möchte, wie viel tiefer einen das Buch wohl noch ziehen wird.
Und eines sollte einem klar sein, bevor man das Buch leichtfertig in die Hand nimmt: Es ist keine leichte Kost, aber dafür umso wichtiger und lesenswerter.
Grob zusammengefasst geht es in Der Report der Magd um die körperliche Autonomie der Frauen – oder besser ausgedrückt um den Verlust dieser Selbstbestimmung. 

 

Besser?, sie ich mit leiser Stimme. Wie kann er glauben, dass dies besser sei?
Besser bedeutet nie, besser für alle, sagt er. Es bedeutet immer, schlechter für manche.
(S. 284)

 

Die vereinigten Staaten von Amerika in naher Zukunft:
Die Magd Desfred war einst eine ganz gewöhnliche verheiratete Frau mit einer gemeinsamen Tochter, einem Beruf, einem richtigen Namen und einem selbstbestimmten Leben.
Bis eine christlich-fundamentalistische Gruppierung den Präsidenten und alle Mitglieder des Kongresses ermorden und die geltende Verfassung außer Kraft setzt. Kurz danach ruft die Armee den Notstand aus. Zeitungen werden zensiert, Straßensperren errichtet und auch die Stellung der Frauen wird durch die gegründete theokratische Diktatur neu definiert: Sie dürfen ab sofort kein Eigentum mehr besitzen, müssen ihren Namen ablegen und ihre Familie verlassen. Ihr bisheriges Hab und Gut inklusive der Bankkonten gehen an den nächsten männlichen Verwandten, staatliche Angelegenheiten werden anfangs noch vom ihm geregelt. Die Frauen übernehmen ausschließlich die Rolle der Hausfrau mit der Pflicht, Kinder zu gebären – was in einer radioaktiv und chemisch verseuchten Welt allerdings ein Problem darstellt, da viele Menschen unfruchtbar geworden sind.
Die wenigen jedoch, darunter auch Desfred, die noch Kinder gebären können, werden an Haushalte überstellt, um diesen Familien Nachwuchs zu schenken. Sie werden zu Objekten, die kein Recht auf freie Meinung oder Freizeit haben. Alles, selbst was sie zu sich nehmen, wird kontrolliert.

Ich glaube es ist unnötig zu erwähnen, wie absolut erschreckend dieses Szenario gerade auf weibliche Leser wirkt, denn alles, wofür ein selbstbestimmtes Leben steht, wird einem einfach so entrissen. Es gibt nur noch einen Standard und jegliches Abweichen führt zu Bestrafungen oder einem langsamen und qualvollen Tod. Es gibt keine Hoffnung mehr nur ewige Unterwerfung. 

Und so unwahrscheinlich das alles in unseren Ohren auch klingen mag, schafft es Margaret Atwood durch ihre beeindruckende Überzeugungskraft, über all das Nachzudenken und an der Gesellschaft, in der wir leben, zu zweifeln.
Das Schicksal von Desfred und ihren Leidensgenossinnen geht einem unwahrscheinlich unter die Haut und es entsteht ein Unbehagen, das selbst bis in die Fingerspitzen deutlich spürbar ist.
Sie stellt trostlose Situationen dar, schmückt sie aus, bis es weh tut und man kann letztendlich nur froh sein, dass wir den teilweise frauenfeindlichen Ansichten des Alten Testaments nicht gefolgt sind – denn was daraus entstanden wäre, wäre das ultimative Mittel der Kontrolle in all seiner Bosheit. 

 

A rat in a maze is free to go anywhere, as long as it stays inside the maze.

 

 

Der Report der Magd von Margaret Atwood verstört, aber auf die brillanteste Art und Weise. Es macht sprachlos, obwohl wir, im Gegensatz zu Desfred, völlig frei sprechen können.
Es lässt Raum für Interpretationen und gerade das offene Ende ist wie ein Schlag ins Gesicht.
Aber zum Glück weiß ich mittlerweile, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist und werde mir diesen definitiv bald noch besorgen. 

 

 

 

 

Über die Autorin 

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr „Report der Magd“ wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.

Quelle: Piper Verlag   

 

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