Rezension H. P. Lovecraft – Das schleichende Chaos (Gesammelte Werke Band 3)

Rezension H. P. Lovecraft – Das schleichende Chaos (Gesammelte Werke Band 3)

Autor: H. P. Lovecraft
Titel: Das schleichende Chaos (Gesammelte Werke Band 3)
Herausgeber: Festa Verlag  
Datum der Erstveröffentlichung: 19. Oktober 2009
Buchlänge: 320 Seiten
ISBN: 3865520561
Preis: HC 24,00€
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 Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Die Tage werden wieder länger, man wird beim Aufstehen von Vogelgezwitscher begleitet und die Sonne zeigt sich nun auch immer öfter – ganz klar, der Frühling steht in den Startlöchern.
Viele Freunde von mir greifen deshalb in dieser Zeit besonders oft zu seichten Geschichten mit Herz oder gleich zu schnulzigen Liebesromanen like “Love is in the air“ – ich hingegen verspüre ehr den Drang mit einem Kontrastprogramm zu starten.
Und da in meiner persönlichen Bibliothek des Schreckes sowieso noch der dritte Band der gesammelten H.P. Lovecraft Werke stand, kann nun endlich auch mein persönlicher Frühling beginnen ☺. 

Wie schon bei den beiden Vorgängern lässt auch dieses Werk definitiv nichts zu wünschen übrig. Das schwarz eingebundene Hardcover mit Lesebändchen und Schutzumschlag in Lederoptik macht sich hervorragend im Regal und, machen wir uns nichts vor, verleitet natürlich dazu die komplette Sammlung besitzen zu wollen.
Auch die Neuübersetzung dieser Edition durch Frank Festa und Andreas Diesel konnten mich wieder überzeugen und ich empfehle wirklich jedem Lovecraft Fan sich diese, falls nicht schon geschehen, mal genauer anzuschauen. 

 

Das vorliegende Buch ist das 3. von insgesamt 6 Bänden und beinhaltet folgende Kurzgeschichten und Novellen:

Der Baum (1921)
Die erste Geschichte spielt im klassischen Griechenland, in der Kalos und Musides, zwei befreundete Bildhauer, einen Wettstreit austragen, wer das wohl kostbarere Standbild einer Göttin für den Tyrannen von Syrakus erschaffen kann.
Als Kalos jedoch während seiner Arbeit erkrankt und stirbt, kommt man seinem letzten Wunsch nach und bestattet ihn zusammen mit ein paar Olivenzweigen. Bald darauf wächst an dieser Stelle unnatürlich schnell ein seltsam geformter Olivenbaum und dem Konkurrenten wird bewusst, dass keine Schuld ungesühnt bleibt. 

Zugegeben, die Erzählung mutet ehr wie eine griechische Saga als eine typische Horrorgeschichte à la Lovecraft an, aber genau das war es auch, was mich so an ihr fasziniert hat. Zwar fehlt es zum Teil etwas an der typischen Atmosphäre, die man von diesem Autor durchaus gewöhnt ist, dennoch gefiel sie mir für den Anfang recht gut. 

 

Hypnos (1923)
Zwei Künstlerkollegen betreiben geheimnisvolle Studien jenseits von Materie, Zeit und Raum. Denn durch die Einnahme von Drogen gelingt es den beiden temporär ihre Fesseln der körperlichen Existenz abzustreifen und körperlose Flüge durch kosmische Räume zu unternehmen. Doch als einer dabei eine Grenze überschreitet, wird die Welt des Traumes zu einem finsteren Schrecken.

Eine sehr interessante Grundidee, die zwar weitestgehend perfekt ausgearbeitet ist, aber nicht ganz an Lovecrafts spätere Werke herankommt. Die Pointe am Ende fällt hier leider etwas  mau aus. 

 

Iranons Suche (1935)
Ein junger Sänger strebt danach endlich seine Heimatstadt Aira wiederzufinden. Dabei führt in seine Reise durch die verschiedensten Orte, bis ihn der Zufall eine bittere Lebenslüge offenbart.

Wieder eine ehr untypische, ja fast schon antiquiert wirkende Erzählung, die ohne Grauen oder großen Spannungsbogen auskommt (oder auskommen muss). Durch das gefühlt unendliche Bombardement an Ortsbeschreibungen werden sich einige Leser sicherlich schnell
gelangweilt fühlen – ich jedoch war tief versunken in dieser Geschichte. 

 

• Polaris (1920)
Das Licht eines Sterns führt den Träumer, der zeitgleich auch als Ich-Erzähler fungiert, zurück in ein früheres Leben, als die Menschen einer versunkenen Hochkultur Krieg gegen dämonische Gegner führten. 

Hier kommt die zentrale Frage auf, die sich schon so manch ein Protagonist von Lovecraft stellen musste: Bin ich wach oder träume ich? Oder bin ich vielleicht einfach nur dem Wahnsinn verfallen?
Eine Kurzgeschichte, die man schnell gelesen hat, aber dafür auch nicht sonderlich lange im Gedächtnis behalten wird – zumindest war es bei mir so. 

 

In der Gruft (1920)
Der Erzähler berichtet zu Beginn über ein seltsames Leiden, das sich sein Patient George Birch durch einen Schock zugezogen hat, als er sich versehentlich in die Leichenhalle des Friedhofs eingeschlossen hat. Um durch ein höher gelegenes Fenster in die Freiheit zu entkommen, stapelt er wahllos besetzte Särge übereinander – muss aber bald feststellen, dass sich selbst tote Zeitgenossen nicht alles gefallen lassen.

Das erste richtige Highlight für mich! Die Atmosphäre und das Ende sind derart überzeugend und man ist sich nie richtig sicher, ob sich  hier tatsächlich etwas Übernatürliches ereignet. 

 

Das Bild im Haus (1919)
Der Ich-Erzähler flieht vor einen herannahenden Sturm in ein altes Haus, wo er ein Buch mit einer Bildtafel über kannibalistische Praktiken des 16. Jahrhunderts aus dem Kongo findet. Angeekelt und fasziniert zugleich verharrt er leider etwas zu lange bei seinem Fund und verpasst so die Möglichkeit zur Flucht – denn er befindet sich nicht alleine in dem betagten Gemäuer. 

Allein der geschichtliche Hintergrund und die Beschreibung des alten Hauses erzeugten bei mir eine unvergleichliche Gänsehaut! Wahnsinnig gut erzählt, auch wenn mich das Ende etwas verwirrt zurückgelassen hat. 

 

Jäger der Finsternis (1936)
Dem Schriftsteller und Maler Robert Blake fällt beim Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers ein Kirchturm auf, der von einer unheimlichen Aura umgeben zu sein scheint. Von der Neugierde getrieben, betritt und untersucht er schließlich das leerstehende Gebäude und findet heraus, dass ein dunkler Kult hier sein Unwesen getrieben hat. Doch Gerüchten zufolge lauert hier auch ein Ungeheuer, dass ausschließlich nur in der Dunkelheit existieren kann.

Absolut lesenswert und ein weiteres Highlight für mich! Der Stimmungsaufbau in der alten, verlassenen Kirche ist besonders gelungen und durch die zeitweilige Berichterstattung mittels Tagebucheinträgen wirkt die Erzählung viel eindringlicher. 

 

Das Verderben, das über Sarnath kam (1920)
Diese Geschichte handelt vom Aufstieg und Fall einer prähistorischen Zivilistation, als die Menschen von Sarnath über die seltsamen Einwohner von Ib herfielen und diese vernichteten. Der Triumph über den vor Urzeiten vertriebenen Feind verwandelt sich in jedoch bei der Tausendjahrfier zur Zerstörung von Ib in Schrecken, als dieser unverhofft zurückkehrt.

Eine Fantasy angehauchte Lovecraft Story mit wenigen Horror-Elementen. Hier schwelgt der Autor ehr in seinen Beschreibungen von Pracht und Größe der Stadt, aber genau das macht auch den Reiz und die Vielfältigkeit dieser Geschichtensammlung aus. 

 

Die anderen Götter (1933)
Barzai und Atal erklimmen verbotenerweise den Berg Hatheg-Kla, um die dort tanzenden Götter heimlich zu beobachten. Aber die Allmächtigen wissen genau, wie sie diesen Frevel strafen können. 

Die anderen Götter ist Lovecrafts Versuch, Sage und Horrorgeschichte zu verbinden. Leider nicht wirklich gelungen und auch ehr eine der schwächeren Stories. 

 

Die Musik des Erich Zann (1922)
Ein mittelloser Student sieht sich gezwungen, in ein heruntergekommenes Mehrfamilienhaus einer namenlosen französischen Stadt zu ziehen. In seinem Zimmer lauscht er eines Nachts den fremdartigen und zugleich faszinierenden Klängen einer Violine, welche im Stockwert über ihm gespielt wird. Vom Hausverwalter erfährt er, dass diese Wohnung von einem deutschen Cellisten Namens Erich Zann bewohnt wird und erzwingt sich von diesem eine Einladung. Warum Zann allerdings so ein Geheimnis um seine Musik macht, erfährt der Erzähler leider zu spät. 

Die Musik des Erich Zann ist nicht nur in diesem Buch, sondern auch überhaupt eine meiner liebsten Geschichten von Lovecraft. Der Autor schafft es durch seine plastische Darstellung der Musik ein stimmungsvolles Grauen jenseits gewohnter Pfade zu erzeugen und konzentriert sich dabei auf das wesentliche der Horrorliteratur. Unbedingt lesen!

 

Träume im Hexenhaus (1933)
Der Mathematik- und Geschichtsstudent Walter Gilman mietet sich an der Miscatonic Universität das angeblich verfluchte Zimmer der berüchtigten Hexe Keziah Mason, welches durch die fremdartige Geometrie der Wände geprägt ist. In Gilman weckt diese Unterbringung schon bald eigenartige Gefühle von Räumen und Dimensionen, die in bald schon bis in seine fiebrigen Träume begleiten. Aber sind das wirklich alles nur Traumgespinste?

Eine Story vom Meister himself. Durch die phantasievoll-abgedrehten Traumsequenzen erschafft Lovecraft hier eine faszinierende und stimmungsvolle Geschichte, in der man dem Protagonisten am liebsten die ganze Zeit “Verschwinde aus diesem Haus!“ zurufen möchte. 

 

Der Schatten aus der Zeit (1936)
Nathaniel Wingate Peaslee bemerkt während einer Unterrichtsstunde, wie sein Geist plötzlich zu schweifen beginnt und fällt daraufhin in ein mehrtägiges Koma. Als er wieder aufwacht scheint er nicht mehr derselbe zu sein und auch seine Familie ist überzeugt, dass ein anderer Geist von ihm Besitz ergriffen hat. Nathaniel interessiert sich von nun an für schreckliche Bücher und unternimmt schließlich auch geheimnisvolle Expeditionen – bis nach Jahren endlich seine alte Persönlichkeit wieder hervortritt. Als er jedoch die verschwommenen Geschehnisse seiner Vergangenheit zu rekonstruieren versucht stößt er auf uralte Mythen, die ein kosmisches Grauen andeuten.

Durch die vagen, stimmungsvollen Andeutungen und dem Science Fiction angehauchten Thema der Zeitreisen gelingt Lovecraft hier eine durchgängig spannende Geschichte nach dem Motto: Das Beste kommt zum Schluß! 

Das ca. 20 Seiten umfassende Bonusmaterial fällt mit Dorothy C. Walters „Drei Stunden mit H. P. Lovecraft“ und Robert H. Barlows „Notizen zu Lovecraft“ diesmal zwar etwas mager aus, dennoch finde es immer wieder interessant, was der Verlag so alles zusammenträgt. 

 

Wie auch immer man zu Lovecrafts Geschichten steht, ob man seinen ausufernden, teils eigentümlichen Stil mag oder nicht – eins belegt der dritte Band der gesammelten Werke wieder eindrucksvoll: H.P. Lovecraft ist eine der originellsten und einzigartigsten Stimmen, die die phantastische Literatur zu bieten hat.
So schlicht seine stilistischen Mittel gelegentlich wirken mögen, so effektiv sind sie auch. Denn sie hämmern ins Bewusstsein, und jeder von uns weiß, dass sich die wahren Geschichten genau hier abspielen. In unseren Köpfen. 

Auch dieses Mal ist es dem Festa Verlag wieder eine ausgewogene und individuell wirkende Zusammenstellung von Lovecrafts zahlreichen Werken gelungen und selbst der Mix aus langen und kurzen Erzählungen ist ausgeglichen.
Freunden der Horrorliteratur sei diese Lektüre sowie die neue Werkausgabe unbedingt empfohlen!

 

 

Egal ob Neueinsteiger oder Sammler: Ich kann euch diese Bände einfach nur ans Herz legen, denn es lockt ein erlesenes kosmisches Grauen!
Ich freue mich schon darauf, wenn alle sechs vereint in meinem Bücherregal stehen, denn auch das Äußere dieser neuübersetzten Edition ist mehr als gelungen.

 

 

♥ Vielen Dank an den Festa Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über den Autor

Der US-amerikanische Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (20. August 1890 – 15. März 1937) ist einer der einflussreichsten Autoren im Bereich der fantastischen Literatur. H. P. Lovecraft ist der Erfinder des Cthulhu-Mythos.

Quelle: Festa Verlag   

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