Rezension Hannah Kent – Wo drei Flüsse sich kreuzen

Rezension Hannah Kent – Wo drei Flüsse sich kreuzen

Autor: Hannah Kent
Titel: Wo drei Flüsse sich kreuzen
Herausgeber: Droemer Knauer Verlag  
Datum der Erstveröffentlichung: 01. Februar 2019
Buchlänge: 432 Seiten
Titel der Originalausgabe:  The Good People
ISBN: 3426306603
Preis: HC 19,99€ / TB 10,99€ / eBook 9,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt ♥

 

 

Irland 1825: Die 14-jährige Mary soll der verwitweten Bäuerin Nora mit deren schwer behindertem Enkel Michael zur Hand gehen. Der kleine Junge, so munkelt man im Dorf, sei ein Wechselbalg, ein Feenkind, und mache die Kühe krank. Mary gibt nichts auf das Gerede, doch als Nora davon hört, reift in der einsamen, verzweifelten Frau eine ungeheuerliche Idee: Wenn es ihr gelingt, den Wechselbalg zu vertreiben, würde sie den gesunden Michael wiederbekommen und endlich wieder eine echte Familie haben. Getrieben von Angst und Aberglaube und unterstützt durch die geheimnisvolle Kräuterfrau Nance ist sie bald bereit, alles zu versuchen – und Mary fällt es immer schwerer, sich gegen die beiden Frauen durchzusetzen.
Hannah Kent gelingt es durch ihre kristallklare Sprache erneut, eine grausame und wahre Geschichte eindringlich zu erzählen; die rauhe Schönheit Irlands verschmilzt mit dem Seelenleben ihrer Figuren, die dem Leser, wie schon in ihrem Debüt-Roman „Das Seelenhaus“, ganz nahe kommen.

Quelle: Knauer Verlag 

 

 

Als ich letztes Jahr Das Seelenhaus von Hanna Kent gelesen habe, war mir bereits in der Mitte klar, dass die Autorin damit ein Meisterwerk geschaffen hat, dessen Wurzeln sich tief in meine Seele graben werden. Denn es ist einer jener seltenen Romane der bleibt und den man nie richtig vergessen kann.

Dementsprechend hoch waren aber auch meine Erwartungen an ihr nächstes Werk und ich denke viele können nachvollziehen, dass man an dieses dann etwas nervös und aufgeregt herangeht.
Wird es Wo drei Flüsse sich kreuzen wieder schaffen mich so zu begeistern oder war der Vorgänger einfach nur ein literarisches One-Hit-Wonder?

 

Dein Sohn bleibt dein Sohn , bis er heiratet, aber deine Tochter bleibt deine Tochter , bis du stirbst. Und jetzt auch noch deinen Mann zu verlieren…Gott ist wirklich grausam: Er nimmt die , die wir am meisten lieben, am ehesten zu sich.
(Seite 51)

 

Irland / County Kerry zu Beginn des 19 Jahrhunderts.
Bäuerin Nóra lebt seit dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes einsam und von Trauer erfüllt mit ihrem Enkel Micheál in einer abgeschiedenen, mit Reet gedeckten Kate. Bereits im Kleinkindalter wurde der inzwischen 4-Jährige in die Obhut seiner Großeltern gegeben, da auch die gemeinsame Tochter Johanna sehr früh verstarb. Da Micheál aber ein ungewöhnlich zartes und nicht altersgemäß entwickeltes Kind ist, das sehr viel schreit und noch mehr Aufmerksamkeit benötigt, die ihm die überforderte Witwe nun nicht mehr geben kann, beschließt sie, die 14-jährige Magd Mary Clifford einzustellen, um ihr zur Hand zu gehen und sich um das Kind zu kümmern.
Doch der Frieden währt nicht lange, denn die abergläubischen Nachbarn des Tals sind überzeugt, dass der zurückgebliebene Junge in Wahrheit ein Wechselbalg ist, der von Feenwesen ausgetauscht wurde, um schlechte Ernten und defizitäre Milcherträge über die Einwohner zu bringen. Von diesen Gerüchten in die Ecke gedrängt, beschließt Nóra daher die alte Kräuterfrau und selbsternannte Heilerin Nance aufzusuchen, die ebenfalls die Gabe besitzen soll mit der Anderswelt in Kontakt zu treten. 

 

Hannah Kents Roman Wo drei Flüsse sich kreuzen ist ein düsterer Roman, der die dunklen und oft hässlichen Seiten einer vergangenen Gesellschaft aufzeigt. Gefangen in der Schwebe zwischen altem Aberglauben und dem Christentum beschreibt die Autorin merkwürdige Vorkommnisse, die sich heute zwar einfach erklären lassen, aber zur damaligen Zeit fast schon prophetische Züge angenommen haben müssen.
In einer Vergangenheit, die wenig von Wissen sondern von harter körperlicher Arbeit geprägt war, sind es oft Anzeichen und Überlieferungen, die ungewöhnliche Kälte, Dauerregen oder gar das Hühnersterben zu etwas mystischem machen. Missernten werden als Bestrafung angesehen und behinderte Menschen gelten als etwas Böses und unerwünschtes, das vertrieben werden muss.

Die verbreitete Legende, in denen Feen menschliche Babys aus ihren Wiegen stehlen um selbst ihre eigene, böse Brut zu hinterlassen lässt viele heute den Kopf schütteln, doch Hannah Kent erzählt diese so poetisch und voller Tradition, das man sich oft dabei erwischt selbst daran zu glauben. Es ist schlicht und ergreifend angsteinflößend, wie solch ein Aberglaube das Leben vieler Menschen zur damaligen Zeit geprägt und kontrolliert hat – und auch heute noch tut. Vielleicht sind es 2019 keine Feenwesen mehr, die uns zu unvorstellbar grausamen Dingen verleiten, dennoch versetzt unser Glaube heutzutage nicht nur Berge, sondern tötet im schlimmsten Fall noch immer viele Unschuldige.  

Es ist erschreckend und faszinierend zugleich, der Autorin in eine Zeit zu folgen, die von Armut und Hungersnöten geprägt war und man merkt auf jeder Seite und in jedem Wort, dass sie sich intensiv mit dem irischen Volk und deren Brauchtümern beschäftigt hat.
Als Leser fühlt man sich direkt zu Beginn in die nass-kalte Kate von Nóra versetzt und kann beinahe das Torffeuer und den Dung der Tiere riechen, der sich aufdringlich in der Behausung verbreitet. Sie schafft eine Atmosphäre, der man nicht entkommen kann und bleibt dabei so dicht an ihren Figuren, dass man sich fühlt, als stünde man direkt neben ihnen. Und dabei muss man nicht einmal mit allen sympathisieren, denn fühlen konnte ich jeden einzelnen ihrer physischen und psychischen Schmerzen. 

Das tragische Schicksal von Micheál war es jedoch, das die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über der Geschichte schwebte und mich bis zuletzt hoffen lies. Doch über das Ende möchte ich gar nicht zu viel verraten, sondern euch bitten Wo drei Flüsse sich kreuzen selbst in die Hand zu nehmen um in diesem Meisterwerk zu versinken.

 

 

Wo drei Flüsse sich kreuzen ist ein Roman von Hannah Kent.
Punkt.
Grund genug es zu lesen.

Dürfte ich Büchern einen Preis für wahnsinnig gute Unterhaltung und ein fesselndes Kopfkino vergeben, würde genau dieser Roman einen Oscar von mir verliehen bekommen.
Da das leider nicht in meiner Macht steht, bleibt mir nur die Möglichkeit euch dieses Buch ans Herz zu legen und euch zu bitten es zu lesen.
Vergleichbares wird man so schnell nicht finden.

 

 

♥ Vielen Dank an den Knaur Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin

Hannah Kent, geboren 1985 in Adelaide, Australien, ist die Mitbegründerin der australischen Literaturzeitschrift ‚Kill Your Darlings‘. 2011 gewann sie den Writing Australia Unpublished Manuscript Award für ihr Debüt ‚Das Seelenhaus‘. Seit seiner Publikation 2013 ist der Roman in fast dreißig Sprachen übersetzt worden, stürmte die Bestsellerlisten und gewann weitere zahlreiche Preise. ‚Wo drei Flüsse sich kreuzen‘ ist Hannah Kents lang erwarteter zweiter Roman, mit dem sie ihrer Faszination für archaische Mythen des Nordens treu bleibt.

Quelle: Knauer Verlag

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