Rezension H.P. Lovecraft – Namenlose Kulte (Gesammelte Werke Band 2)

Autor: H.P. Lovecraft
Titel: Namenlose Kulte (Gesammelte Werke Band 2)
Herausgeber: Festa Verlag  
Datum der Erstveröffentlichung: 25. Januar 2008
Buchlänge: 320 Seiten
ISBN: 3935822847
Preis: HC 24,00€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt ♥

 

 

Zweiter Band (von 6) der GESAMMELTEN WERKE von H. P. Lovecraft.

Bonusmaterial: Robert H. Barlow: „Erinnerungen an H. P. Lovecraft“, Zealia Bishop: „H. P. Lovecraft aus der Sicht einer Schülerin“ Marian F. Bonner: „Vermischte Eindrücke von H.P.L.“ Mary V. Dana: „Ein flüchtiger Blick auf HPL“.
Die neue Auflage ist mit einen Schutzumschlag in Lederoptik ausgestattet.

Quelle: Festa Verlag   

 

 

Horrorliteratur hat sich über die Zeit stark verändert. Einer der für mich augenscheinlichsten Unterschiede ist, das man heute sehr stark darauf ausgelegt ist, zu beschreiben was passiert. Zudem lässt man das Unheil oft sehr plötzlich und überraschend auf seine Opfer hereinbrechen.
Howard Phillips Lovecraft dagegen hatte einen völlig anderen Stil, denn seine Kreationen – allem voran die Geschichte um den Cthulhu-Mythos – lassen den Leser ganz allmählich ins unbekannt schreckliche abdriften.
Und genau das ist einer der vielen Gründe, die ihn ist für mich zu einem der bedeutendsten Schriftsteller dieses Genres macht.
Die Atmosphäre, die er zaubert ist dicht, der Schreibstil sucht seinesgleichen und seine Geschichten bieten noch heute so manche Vorlage für viele moderne Horrorszenarien in Hollywood und Co.
Kurzum, seine Ideen und Werke sind einzigartig!

Außerdem gelingt es ihm immer wieder mit Leichtigkeit dem Leser nicht nur eine Gänsehaut zu bereiten, sondern all jenen auch das Gefühl vermitteln, das Grauen seiner Erzählungen hautnah zu erleben als wäre man dabei. Sein logischerweise nicht mehr ganz moderner Schreibstil rundet dies perfekt ab und lässt mich in seine schauerhafte Welt eintauchen.

Die 6-teilige Sammlung seiner Werke, die der Festa Verlag neu herausgegeben hat, hat nicht nur den Vorteil, dass sie eine wirklich gute Übersetzung bietet, sondern auch ein Schmuckstück in jedem Bücherregal darstellt. Hier wurde nicht an der altmodischen Schreibweise herumgedoktort, wie es mittlerweile leider häufig in anderen Verlagen der Fall ist und der in Lederoptik gehaltene Buchumschlag mit Lesebändchen lässt diese Ausgaben sehr edel wirken.

 

Das vorliegende Buch ist das 2. von insgesamt 6 Bänden und beinhaltet folgende Kurzgeschichten und Novellen:

Der Ruf des Cthulhu (The Call of Cthulhu), 1928
Winter 1926/27. George Angell, Professor für semitische Sprachen und Großonkel des Erzählers stirbt unter mysteriösen Umständen. Unter dem persönlichen Nachlass des Professors findet der Erzähler ein Kästchen mit einem sonderbaren Flachrelief, Skizzen, Notizen und Zeitungsausschnitte. Die Recherchen des Erzählers enthüllen nach und nach, dass uralte Wesen auf verschiedene Weise Einfluss auf die Menscheit nehmen. Noch in Gefangenschaft erstarken diese Geschöpfe jedoch wieder und bereiten sich auf ihre Rückkehr vor.

Für einige Fans sicherlich Lovecrafts bedeutendstes Werk. In Der Ruf des Cthulhu wird definitiv alles aufgefahren, was typisch für den Stil des Autors ist:
Hinweise und Gerüchte unterschiedlicher Quellen, die sich innerhalb eines komplexen Handlungsaufbaus immer mehr verdichten, Jahrzehnte und Kontinente überspannende Ereignisse, die irgendwie in Zusammenhang zu stehen scheinen und viele Fakten, die der Leser erst im Kopf sortieren muss. Es gibt Andeutungen über riesenhafte, uralte Wesen, die die Menschheit beeinflussen und sich auf ihre erneute Herrschaft vorbereiten und Belege über einen weltumspannenden Kult, der den großen Gott Cthulhu verehrt.
Sicherlich eine der besten Geschichten überhaupt.

 

Die Katzen von Ulthar (The Cats of Ulthar), 1920
Im Städtchen Ulthar lebt ein altes Ehepaar, das vornehmlich unbehelligt Katzen quält und tötet. Eines Tages erreicht eine Karawane Fremder die Stadt. Als die Katze eines der fremden Jungen verschwindet, ruft dieser seine Götter um Hilfe an. Nach einiger Zeit findet man nur noch die Knochen des alten Paares in deren Haus.

Ein ehr kurzes, düsteres Märchen, das nicht mehr bietet als Andeutungen. Alles ist auf die schrecklich-phantastische Pointe am Ende hin komponiert.
Elegant und von grauenvoller Konsequenz.

 

Pickmanns Modell (Pickman’s Model), 1927
Die Recherchen für eine Monographie über die unheimliche Kunst führte den Erzähler des ins Atelier des Malers Pickman. Dieser hat allerdings noch ein weiteres, geheimes Atelier, das verborgen im Labyrinth der Bostoner Altstadt liegt, wo er „den nächtlichen Geist uralten Grauens einfangen und Dinge malen kann, an die ich in der Newberry Street noch nicht einmal denken könnte“.
Doch warum meidet der Erzähler seit seinem Besuch den Maler, den er selbst einst als „größten Maler Bostons mit profunder Einsicht in die Schöpfung“ bezeichnet hat? Und woher rührt die plötzliche Angst vor dem Benutzen der U-Bahn und dem Hinabsteigen in den Keller?

Pickmanns Modell ist eine klassische Gruselgeschichte, die von der Steigerung des Schreckens und vom gelungenen Höhepunkt lebt. Die unheimliche Atmosphäre und die phantastische Schlusspointe machen den Text zu einer gelungenen Geschichte. Das Spannungsniveau nimmt kontinuierlich zu aber die Ursache für die Angst des Erzählers entlädt sich erst – wie für Lovecraft typisch – im letzten Satz der Erzählung.

 

Das Grauen von Dunwich (The Dunwich Horror), 1929
Dunwich ist ein heruntergekommenes Dorf in Massachusetts. Von Fremden gemieden und gezeichnet von Verfall und Inzucht, finden sich in dieser Gegend zahlreiche Hinweise auf okkulte Praktiken. Die Geschichte beginnt, als die zurückgebliebene und entstellte Lavinia Whateley, die zurückgezogen mit ihrem halb irrsinnigen Vater lebt, einen Sohn gebiert, der sich unnatürlich schnell entwickelt. Das außergewöhnliche Kind und immer neue Umbauten am entlegenen Haus der Whateleys locken neugierige Besucher an. Doch statt Antworten zu erhalten, stellen sich diesen immer neue Rätsel. Erst Dr. Armitage gelingt es, richtige Zusammenhänge aus allen Merkwürdigkeiten um die Familie Whateley und um die seltsame Gegend um Dunwich herzustellen.

Auch hier baut Lovecraft die Grundstimmung durch Legenden, Gerüchte und Aberglauben auf. Die Hütte der Whateleys scheint mitten in einem mythologischen Brennpunkt zu liegen und auch die Whateleys selbst, sind nach Meinung der Dorfbewohner zweifelsfrei Hexer. Mit diesem typischen Gebilde und unter Verwendung der Mythologie um die Großen Alten fügt sich „Das Grauen von Dunwich“ nahtlos in die Reihe von Lovecrafts Mythos-Geschichten ein.

 

Celephais (Celephais), 1922
Eigentlich befindet sich der verarmte Protagonist der Erzählung als Letzter seines Geschlechtes in London. Doch in seinen Träumen tritt er in die märchenhafte Welt Ooth-Nargai ein und gelangt zur sagenhaften Stadt Celephais. Durch deren Schönheit angezogen, sehnt er sich bald mehr und mehr die Nacht herbei, die diese Träume bringt und schließlich greift er zu Drogen, die ihm helfen sollen Celephais zu erreichen.

Celephais ist hauptsächlich eine Aneinanderreihung fantastischer Landschaftsbeschreibungen, durch die sich der Träumer bewegt. Die Erzählung ist zwar – gerade durch ihr Ende – nicht ohne Reiz, zählt aber zu den schwächeren dieser Sammlung.
Interessanterweise wird hier am Ende das erste Mal die Stadt Innsmouth erwähnt.

 

Aus dem Jenseits (From Beyond), 1934
Crawford Tillinghast ist überzeugt, dass der Mensch über mehr als fünf Sinne verfügt und eine von ihm entwickelte Maschine soll diese schlafenden Sinne wecken. Doch als der Forscher seine Ankündigung in die Tat umsetzt, beginnt der Schrecken, vor dem es bald kein Entrinnen mehr gibt.

In der zu Unrecht relativ unbekannten Erzählung wird das Grauen durch die düstere und unheimliche Stimmung im Haus des Wissenschaftlers vorbereitet und schließlich Stück für Stück enthüllt.
Schade nur, dass diese Erzählung so kurz geworden ist, da das Thema definitiv mehr hergegeben hätte.

 

Das weiße Schiff (The white Ship), 1919
Immer wieder wird der Leuchtturmwärter vom Kapitän des weißen Schiffes eingeladen, mit ihm über die Meere zu segeln und in einer Mondnacht kommt er dieser Bitte endlich nach. Dabei entdeckt er fantastische Länder, in denen er Äonen seines Lebens verbringt. Doch getrieben von Unrast will der Leuchtturmwärter plötzlich weiter, um sagenhafte Land der Götter zu entdecken.

Ähnlich wie Celephais besteht auch diese Geschichte zum größten Teil aus fantastischen Landschafts- und Städtebeschreibungen, ohne dabei über eine wirkliche Handlung zu verfügen. Eine kurze Parabel über das menschliche Unvermögen, in einem glücklichen Moment zu verweilen, denn das Verlangen des Leutturmwärters, seine Zufriedenheit noch zu steigern, führt nicht nur zu seinem eigenen Verderben.

 

Der Tempel (The Temple), 1925
Nach der Versenkung eines britischen Frachtschiffs findet die Mannschaft des U-Bootes U29 die Leiche eines der britischen Matrosen an Deck, der ein sonderbares Elfenbeinbildnis bei sich trägt. Ein Offizier nimmt das Objekt an sich, doch seitdem häufen sich die Fälle von technischem Versagen, Albträumen und Wahnsinn bei der Mannschaft. Als der Motor zerstört wird, kann das U-Boot nicht mehr auftauchen und eine rätselhafte Südströmung treibt das Boot immer weiter ab. Die letzten Matrosen sterben bei einer Meuterei und am Ende ist der Kapitän alleine. Doch stößt in großer Tiefe auf seltsame Ruinen und einen Tempel, der ihn fast magisch anzieht.

Durchaus lesenswerte Geschichte, obwohl das Psychogramm des deutschen Kapitäns ehr weniger schmeichelhaft ist.
Zunächst wird die Spannung auf dem engen Raum des U-Bootes sehr geschickt gesteigert um im Finale die Entdeckung einer riesenhaften, versunkenen Stadt zu beschreiben – inklusive der Erkundung des titelgebenden Tempels.

 

Jenseits der Mauer des Schlafes (Beyond the Wall of Sleep), 1919
Nach einem bestialischen Mord, an den sich Joe Slater, ein degenrierter und einfältiger Bewohner der Catskill Mountains, nicht erinnern kann, wird dieser in eine Nervenheilsanstalt eingewiesen. Im Schlaf gebärdet er sich wild und spricht unverständliche und sinnlose Dinge und er scheint während seiner Anfälle Visionen zu haben, die unmöglich auf gehörte oder gelesene Geschichten zurückgehen können. Mit Hilfe einer Apparatur möchte der Assistenzarzt seine Träume erforschen, aber Slater stirbt bei dem Versuch – doch nimmt etwas anderes mit dem Arzt Kontakt auf.

Ein weiteres, immer wiederkehrendes Element in Lovecrafts Geschichten sind Träume, die eben nicht nur Träume sind, sondern Blicke oder gar Reisen in andere Welten darstellen. Dabei stellt sich auch immer wieder die Frage, welche Wirklichkeit denn nun die tatsächliche ist.
Zwar baut sich hier erst gegen Ende richtig Spannung auf, trotzdem sollte man
Jenseits der Mauer des Schlafes nicht ungelesen lassen.

 

Herbert West – Reanimator, 1922
Herbert West ist Student an der medizinischen Fakultät der Miskatonic Universität, wo er aufgrund seiner abenteuerlichen Theorien über das Wesen des Todes berüchtigt war. Sein Ziel, eine Möglichkeit zu finden diesen künstlich zu überwinden, wurde aufgrund unethischer Experimente von der Universität bald mit dem Rauswurf bestraft. Doch Herbert West findet Mittel und Wege, sein Ziel weiter zu verfolgen. 

Lovecraft selbst hat den Reanimator Herbert West nie besonders geschätzt. Der sechsteilige Zyklus stellte für ihn lediglich eine Auftragsarbeit dar, um an Geld zu gelangen und auch sonst gleicht diese Version sehr Mary Shelley´s Frankenstein – leider einer ehr farbloseren Version. 

 

Die Farbe aus dem All (The Colour of of Space), 1927
Ein Landvermesser, der das Gelände westlich von Arkham für den Bau eines Stausees vermessen soll, stößt dort auf ein merkwürdig lebloses Gebiet, das die Ortsansässigen nur „die verfluchte Heide“ nennen. Ein Einsiedler erzählt ihm, was dort geschehen ist. Meteoriteneinschläge sollen für die Veränderung der Landschaft verantwortlich sein, woraufhin die Pflanzen auf der ehemals ertragreichen Gardner -Farm begannen, sich zu verändern. Zuerst wurden die Früchte ungenießbar und schließlich nahmen die Pflanzen eine unirdische Farbe an. Das Wasser nahm das Gift aus den Meteoriten auf und damit auch die Menschen und die Tiere, die in der Folge wahnsinnig wurden und verendeten. Die Wissenschaftler ratlos sind.

Es ist phänomenal, wie Lovecraft es schafft, aus einer solch abstrakten Situation ein derartiges Grauen zu arrangieren. Die Bedrohung ist körperlos und offenbar auf die nähere Umgebung beschränkt. Doch der Autor steigert die Ereignisse und damit die Spannung derart, dass die Frage, warum die Familie Gardner ihr Anwesen nicht verlässt, gar nicht erst aufkommt. Könnte man die Ereignisse zu Anfang noch auf eine Art zersetzender Strahlung schieben, deutet Lovecraft nach einigen Zeilen einen größeren Kontext an, der zu überzeugen weiß.

 

Neben den Geschichten sind noch einige Aufsätze von Lovecrafts Weggenossen und Freunden (Robert H. Barlow, Zealia Bishop, Marian F. Bonner, Mary V. Dana) enthalten, die ein Bild des Menschen Lovecraft zeichnen, das dem allseits verbreiteten Image des menschenscheuen Einsiedlers entgegensteht.

 

 

Die Zusammenstellung des Sammelbandes ist dem Verlag auch diesmal wieder hervorragend gelungen!
Auch wenn nicht alle Schriftstücke eine gleichbleibend hohe Qualität besitzen, sollte jeder, der sich diesem Genre verschrieben hat, oder diesen Band noch nicht besitzt, dringend zugreifen. Denn hier erhält man nicht nur zeitlose Klassiker, sondern auch einen hervorragenden Querschnitt durch Lovecraft Schaffen.
Von weniger inspirierten Auftragsarbeiten wie Reanimator, über ebenfalls eher philosophische Kurzgeschichten wie Das weiße Schiff, kommt man aber auch zu wirklich gruseligen und einzigartigen Werken. Besonders Das Grauen von Dunwich, Pickmans Modell und Die Farbe aus dem All fallen unter letztere Kategorie.

 

 

Namenlose Kulte ist ein zeitloser Klassiker im attraktiven Gewand.
Durch die vielen, ehr kürzeren Geschichten ist Band 2 der Gesammelten Werke definitiv auch für Lovecraft-Einsteiger geeignet und erhält eine klare Leseempfehlung!
Band 3, Das schleichende Schloss, kann also kommen.

 

 

♥ Vielen Dank an den Festa Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über den Autor 

Der US-amerikanische Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (20. August 1890 – 15. März 1937) ist einer der einflussreichsten Autoren im Bereich der fantastischen Literatur. H. P. Lovecraft ist der Erfinder des Cthulhu-Mythos.

Quelle: Festa Verlag

 

 

 

 

 

 

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