Rezension Clara Asscher-Pinkhof – Sternkinder

Autor: Clara Asscher-Pinkhof
Titel: Sternkinder
Herausgeber: Dressler Verlag 
Datum der Erstveröffentlichung: 24. September 2018
Buchlänge: 288 Seiten
ISBN: 978-3-7915-0106-2
Preis: HC 16,00€ / eBook 11,99€
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 Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

„Sternkinder“, das waren die jüdischen Kinder, die unter den Nationalsozialisten den Davidstern tragen mussten. Wie ihre Eltern und Großeltern erfuhren sie die Schrecken der Konzentrationslager, und verstanden doch oft nicht, was mit ihnen geschah. Clara Asscher-Pinkhof, die selbst deportiert wurde und nur durch großes Glück überlebte, beschreibt die Verfolgung durch die Augen der Kinder und findet so besonders eindringliche Bilder. Die Neuausgabe erscheint zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht mit neuem Cover und einem Vorwort von Ronald Leopold, dem Leiters des Anne-Frank-Hauses Amsterdam.

Das früheste Dokument über das Schicksal jüdischer Kinder und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft ist ein erschütterndes Zeitzeugnis wie das »Tagebuch der Anne Frank«.

Quelle: Dressler Verlag   

 

 

Juden ist es verboten, ihren Arbeitsplatz oder die Wohnung zu wechseln.
Getrennte Schulen gibt es seit 1941.
Sie haben keinen Zutritt zu Kinos, Theatern, Sportplätzen, Schwimmbädern oder auch nur dem kleinsten Park.
Zwischen acht Uhr abends und sieben Uhr morgens herrscht Ausgangssperre.
Juden ist es verboten zu reisen, weder mit öffentlichen noch mit privaten Transportmitteln, auch nicht mit Fahrrädern.
Sie dürfen kein Telefon mehr haben und kein Radiogerät.
In ihrem Personalausweis steht ein schwarzes “J“ für Jude, und alle Juden ab sechs Jahren müssen einen gelben Judenstern auf allen Kleidungsstücken tragen.
So konnten die deutschen Besatzer sicher sein, dass die Juden, sorgfältig registriert durch eifrige Beamte und durch Einschränkungen mehr oder weniger aus dem täglichen Stadtbild verschwanden, immer und zu jeder Zeit auffindbar waren.
(Seite 10)

 

In „Sternkinder“ beschreibt Clara Asscher-Pinkhof die Judenverfolgung während des zweiten Weltkrieges in den Niederlanden. Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt und hat keinen festen Handlungsverlauf oder bestimmte Protagonisten. Sternkinder unterschiedlicher Altersstufen beschreiben hier ihren Alltag während der Naziherrschaft und der Judenverfolgung.

Sind sie Freunde der Juden oder haben sie etwas Böses vor? Fragt man sich das nicht bei jedem, der keinen gelben Stern trägt? Früher nicht….
(Seite 46)

Im Abschnitt “Sternstadt“ erlebt man durch ihre Augen, wie hart das reglementierte Leben und Aufwachsen in den jüdischen Ghettos war.
Im “Sternhaus“, dass das Theater Shouwburg in der Plantage Middenlaan darstellt, müssen sich alle Juden einfinden, bevor sie weiterdeportiert werden. Die unmenschlichen “Lebensverhältnisse“, die qualvolle Enge und die Ungewissheit, wohin es von hier aus geht, gehen wirklich an die Substanz, und das allein durchs Lesen.

Vielleicht ist es gut für das Kind, wenn es stirbt, denn es ist ein Sternkind und wird noch viel mehr weinen müssen, als es bis jetzt getan hat.
(Seite 115)

In “Sternwüste“ erleben Kinder, und unter anderem auch Autorin Clara Asscher-Pinkhof, das unermessliche Leid und die katastrophalen Zustände im Durchgangslager Westerbork. Es gibt keine Intimsphäre, der Hunger dominiert jeden einzelnen Tag und die Angst vor Montag, dem Tag der Woche, an dem Insassen in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert werden, lässt die Nerven blank liegen. Viele Kinder sind ohne ihre Eltern oder irgendeine Bezugsperson in diesem Lager gelandet. Sie wissen nicht, wo sie sich aufhalten oder ob sie sich jemals wieder sehen werden.

Sternkinder lernen keine Geschichte – sie leben sie.
Und wenn sie nicht an die Befreiung glauben würden, wäre ihre Geschichte schon längst zu Ende, es wäre eine alte Geschichte mit einem traurigen Schluss.
(Seite 252)

Im letzten Abschnitt “Sternhölle“ beschreibt die Autorin die Verzweiflung, Angst und Ohnmacht der Menschen vor ihrer Deportation in das Konzentrationslager Bergen-Belsen, aber auch die befreiende Reise von gerade einmal 222 Menschen nach Palästina.

 

Leise Töne sind es hier, die mich tief im Inneren getroffen haben, als wären es Handgranaten.
Worte von Kindern, die mich erschüttert und zu Tränen gerührt haben, über eine Vergangenheit, die uns alle betrifft, auch wenn wir selbst nicht dabei waren.
Mit ihren kindlichen und naiven Betrachtungsweisen schaffen es die Sternkinder, einem das Herz schwer und traurig werden zu lassen. Und mit der abgeklärten, hoffnungslosen Erkenntnis, dem Schicksal nur durch den Tod entkommen zu können,
brechen sie es in 1000 Teile.
Es ist ein wertvolles Buch, das bereits 1962 den deutschen Jugendliteraturpreis erhielt, und nun, fast fünfzig Jahre später, eine neue Übersetzung durch Mirjam Pressler bekommt.
Clara-Asscher-Pinkhof hat hier ihre eigenen Erlebnisse in einer klaren Sprache festgehalten und lässt sie uns durch die Augen der Kinder erneut erleben. Es gelingt ihr hierbei unglaublich authentisch und eindringlich, die Ängste und Verzweiflung der Betroffenen spürbar zu machen. Von naiv-kindlich bis ernüchternd-klar erleben wir aus differenzierten Sichtweisen die Qualen und das Leid der Sternkinder unterschiedlicher Altersstufen, Intellekte, und Familienverhältnissen und doch sind sie alle irgendwie gleich. Sie sind Menschen, die eine unglaubliche Gräueltat miterleben mussten. Sie wurden verurteilt und bestraft, weil sie zur falschen Zeit, in der falschen Familie geboren wurden.
Diese Erinnerungen machen mich heute noch sprachlos und betroffen, denn sie gehen einfach unter die Haut. Nachvollziehbar ist es für mich in keinster Weise, und darüber können wir eigentlich froh sein. Wie unmenschlich und unwürdig Personen mit ihren nächsten umgegangen sind, sollte uns für immer eine Warnung sein – denn rassistische Äußerungen oder Handlungen gegen Minderheiten sind nie hinnehmbar.

 

 

Sternkinder ist ein Mahnmal. Ein Buch über Hass, Macht, unermessliches Leid, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit und den Tod. Gefühle, die nie jemand wieder erleben sollte.
Ein Buch, dass zur Pflichtlektüre im Unterricht werden sollte, da es da ansetzt, wo der Geschichtsunterricht endet. 

 

 

♥ Vielen Dank an den Dressler Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin

Asscher-Pinkhof wurde 1896 in Amsterdam geboren. Sie stammt aus einer kinderreichen Familie, wurde Lehrerin und lebte bis 1941 in Groningen.
Infolge der deutschen Besetzung Hollands war sie gezwungen, nach Amsterdam überzusiedeln. Dort unterrichtete sie jüdische Kinder, die öffentliche Schulen nicht mehr besuchen durften und bald den gelben Stern als Erkennungszeichen tragen mussten. Mit einer Gruppe jüdischer Familien, dann nur mit deren Kindern teilte Asscher-Pinkhof den Weg durch die Konzentrationslager bei Drentse, Westerbork, zuletzt Bergen-Belsen.
Durch einen Austausch von Gefangenen und Lagerinsassen im Juli 1944 gelangte sie nach Palästina. Dort arbeitet sie zuerst in einem Kibbuz, später als Lehrerin für Hebräisch in der Erwachsenenbildung. Sie starb 1984 in Kiriat Tivon/Israel.
1962 wurde sie für ihr Buch STERNKINDER mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Das Buch war in Holland bereits 1946 erschienen. In klarer, unpathetischer Sprache ist das Buch der eindrucksvolle Erlebnisbericht des Leidensweges der jüdischen Kinder durch die KZ-Lager, den Asscher-Pinkhof begleitete. Für die deutsche Bearbeitung und Übersetzung schrieb Erich Kästner ein stark beachtetes Vorwort, das den Dokumentarwert des Buches neben den des Tagebuches der Anne Frank stellt.

Quelle: Dressler Verlag

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